Die Geschichte der St.-Sebastian-Schützenbruderschaft

Der Laie verbindet mit dem Begriff Schützenverein eine Gesellschaft, die rein dem Vergnügen gewidmet ist: militärischer Aufzug, Parade, Scheibenschießen, Tanz und Pflege der Kameradschaft an ein paar Tagen des Jahres.

Mag sein, dass heute bei den modernen Schützengesellschaften diese der Hauptzweck der Vereinigung ist. Der historische Hintergrund der alten Schützengesellschaften war aber ein ganz anderer.

Die Uranfänge des Schützenvereins sind zu suchen in der altgermanischen Gewohnheit, sich zusammenzuschließen, um Haus und Hof gemeinschaftlich gegen den Feind zu schützen. Wie auf dem Lande sind auch die Schützengesellschaften in den Städten als Wehrgemeinschaften ihrem Ursprung nach echte Notgemeinschaften. Entstanden aus der Notwendigkeit, die Gemeinschaft, eben die Stadt, gegen äußere Feinde zu verteidigen und zu schützen. Vielerorts hatten auch schon die einzelnen Handwerkerzünfte und Gilden eigene Wehrgemeinschaften gebildet.

Den Kern der städtischen Bürgerwehr stellten aber die mit der Armbrust oder später (seit dem 15. Jahrhundert zunehmend mit der Büchse ausgestatteten Bürgerschützen. Das war der vermögendere Teil der Bürger, die eigenen Grund und Boden bzw. ein eigenes Haus besaßen – wir würden heute sagen der Mittelstand. Im Gegensatz zu der Masse der meist nur mit Spieß und Pike ausgerüsteten weniger bemittelten Handwerker und Arbeiter. Die weitere Entwicklung der westfälischen Schützengesellschaften des Mittelalters war sehr verschiedenartig geprägt. Die Hauptblütezeit der Schützen war zweifellos das 15. Jahrhundert und die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts, auch wenn oder gerade weil in dieser Zeit das militärische Gesicht der Schützengesellschaften sich immer mehr zu einer religiös-geselligen wandelte.

Die Zahl der Schützengesellschaften vermehrte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in ganz ungewöhnlicher Weise. Dort wo es zunächst nur eine Gesellschaft gegeben hatte, gab es nun "alte", "mittlere" und "junge" Schützen.

Neben den rein militärischen Einsätzen mussten die Schützen in vielen kleinen Städten ähnlich den ländlichen Schützen auch noch andere Stadtdienste leisten, so besonders als Flurschützer und Feldpolitzisten in der Stadtgemarkung. Die Chronik berichtet, dass schon im ersten Jahre des Dreißigjährigen Krieges Wiedenbrücker Schützen ausrücken mussten, "um etzlichen Reitern zu wehren".

Neben dem Schutz der Heimat oblag den Schützen als weitere wichtige Aufgabe die Brandbekämpfung. Darum enthalten die alten Schützenordnungen oft die Bestimmung, dass neu Eintretende als Aufnahmegebühr einen ledernen Brandeimer abzuliefern hatten.

Einen weiteren Aufgabenbereich der Schützengesellschaften in Stadt und Land bildeten mancherlei polizeiliche Pflichten und Befugnisse im Dienste der Stadtverwaltung oder des Landesherrn.

In Wiedenbrück hatten die St.-Sebastian-Schützen die Aufsicht über das Stadtfeld. Noch 1844 habe sie hier eigenmächtig "gebrüchtet", d.h. Geldstrafen ("Brüchten") verhängt. Daneben begleiteten die Schützen in unruhigen Zeiten Kaufleute, Reisende und hohe Herren, stellten Ehrenwachen und bewachten Verbrecher.

Vielseitig war auch die religiöse und karitative Betätigung der Schützengilden, die sich aus ihrem bruderschaftlichen Charakter ergab. Sie erwählten sich einen Heiligen, dem sie nacheifern wollten, zum Patron. Meist war es St. Sebastian, der auch als Helfer gegen die Pest verehrt wurde.

Besonders oft begegnen wir der Pflicht der Schützen zum Leichentragen, nicht nur der eigenen verstorbenen Mitglieder, sondern oft auch der Toten der ganzen Gemeinde. Die St. Sebastianschützen in Wiedenbrück trugen – nicht nur bei Beerdigungen, sondern auch bei weltlichen Anlässen schwarze Mäntel, die erst 1844 abgeschafft wurden.

Das Eintreten für den Nächsten, das die alten Bruderschaften sich zum Ziel gesetzt hatten, führte auch zur Fürsorge für die Armen. Es war wohl überall Sitte, gerade beim Schützenfest etwas für sie zu tun.

Die St.-Sebastian-Schützenbruderschaft Wiedenbrück ist nach der St.-Sebastian-Schützenbruderschaft Büren in Westfalen, die sich im Jahre 1490 formierte, und der Bruderschaft in Geseke (1412) die älteste Gemeinschaft dieser Art in Westfalen. Ihre Aufgabe bestand darin, die Stadt Wiedenbrück und das anliegende Amt Reckenberg zu schützen.

Die Schützen ersparten den Bischöfen von Osnabrück die Unterhaltung einer stärkeren Wehr auf der Festung Reckenberg. Als Gegenleistung gewährten die Bischöfe der Stadt und der Schützenbruderschaft mancherlei Vorteile.

Im Jahre 1492 erhielten die Schützen eine Wiese zur Durchführung von Schießübungen, die zwischen den Höfen Buxel und Vernehof in Lintel lag. Die Schützenkompanie bestand aus vierzig Schützen – jungen Bürgern der Stadt. An der Spitze zwei Oberleute – der eine "Ratsobermann" vom Rate der Stadt, der andere "Schützenobermann" von den Schützenbrüdern gewählt.

Alljährlich einmal im Mai wurde in dem "alten Schüttenwall" vor der "Rinderporten" nach der Scheibe geschossen. Wer den besten Schuss tat, wurde vom Obermann zum König erklärt, erhielt als Lohn einen silbernen Löffel, einen neuen Hut und einen halber Taler und genoss Wachfreiheit während des ganzen Jahres.

Die Schützen zogen ferner jährlich einmal auf Befehl des Rates aus, um Ungesetzlichkeiten in der Mark abzustellen.

Die Schützen traten aber auch als Korporation auf bei Prozessionen, Leichenbegräbnissen und Feuersbrünsten. Sie waren verpflichtet, die Toten zu beerdigen. Die Chronik berichtet, dass während des Dreißigjährigen Krieges in manchen Jahren weder nach der Scheibe geschossen, noch allgemeine Schützensachen vorgenommen worden sind.

1646 lagen die Schützen drei Nächte im Stadtkeller in Bereitschaft, zu der zeit als der Kommandant von Wiedenbrück, Oberstleutnant Balduin von Reumont mit Helfern das von Hessen besetzte Paderborn befreite.

Im Jahre 1650 haben die Schützen die Anno 1647 von den Schweden niedergerissene Ostenpforte wieder aufgebaut.

Am 1. Mai 1651 wurde Hauptmann Pfeffer mit seiner Kompanie Soldaten und der Schützenobermann Heinrich Biermann mit seinen Schützen nach Gütersloh kommandiert, um die Kirche mit Gewalt zu öffnen und den Pastor Johann Sprenger einzusetzen.

Die Geschichte der Schützenbruderschaft bietet während des 18. Jahrhunderts nicht besonders Bemerkenswertes. Die Gesellschaft bestand im Wesentlichen unverändert bis in das 19. Jahrhundert hinein. Im 18. Jahrhundert verringerte sich der Wachdienst der Schützen, nachdem Wiedenbrück keine Festung mehr war.

Im Jahre 1812 wurde durch die Unterpräfektur zu Paderborn beschlossen, die Schützenkompanie in ihrer Eigenschaft als Polizeitruppe, der insbesondere die Vornahme von Arrestationen oblag, aufzuheben. Inzwischen wurden Gendarmen und Flurhüter eingestellt, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.

Als Verein bestand die Schützenbruderschaft weiter fort. Die Satzungen wurden in den vergangenen Jahrzehnten jeweils den Zwecken und Bedürfnissen angepasst.

Der letzte offiziell von der Obrigkeit eingesetzte Schützenobermann war im Jahre 1906 der Kaufmann Hugo Brenken.